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Kleider machen Leute

oder: Gegenwartskunst zwischen ars und techne. Zur herausragenden Bedeutung der Kunstproduktion der Steiermark für Relational Aesthetics im internationalen Kunstkontext. Ein Projekt zur Erschließung eines Desiderats für gegenwärtige Kunstgeschichtsschreibung 

Die Erforschung der Relational Aesthetics steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts "Kleider machen Leute oder: Gegenwartskunst zwischen ars und techne. Zur herausragenden Bedeutung der Kunstproduktion der Steiermark für Relational Aesthetics im internationalen Kunstkontext. Ein Projekt zur Erschließung eines Desiderats für gegenwärtige Kunstgeschichtsschreibung" des Instituts für Kunstgeschichte (Sabine Flach) der Universität Graz. In einer Kooperation mit dem Institut für Soziologie (Stephan Moebius), dem Institut für Philosophie der Katholisch-Theologischen Fakultät (HansWalter Ruckenbauer) und mit dem Grazer Kunstverein werden die Themen Kunst, Mode, Identität und Kommunikation bearbeitet und in einer praktischen Annäherung und theoretischen Situierung verortet.  

Relational Aesthetics 

“Art has always been relation to some extent. It has, in other words, always been a factor in sociability and has always been the basis for a dialogue”, nennt Nicolaus Bourriaud in seinem wegweisenden Essay über “Relational Aesthetics” in den 1990ern die Beweggründe zeitgenössischer Kunst. Als Relational Art versteht er Kunst, die als theoretischen Horizont die Sphäre der menschlichen Interaktion und ihre sozialen Kontexte nimmt, anstelle einen autonomen und privaten symbolischen Ort zu behaupten. Seit den 1960er Jahren tritt Kunst als wirkmächtige Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft vermehrt ans Tageslicht. Claire Bishop sieht in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts künstlerische Praktiken entstehen, die sich soziale Formen aneignen, um die Kunst näher an das alltägliche Leben zu bringen. Als Beispiele nennt sie u. a. die von Martha Rosler organisierten Garagenverkäufe in Kunstgalerien und Museen, ein Hotel unter der Anleitung von Alghiero Boetti, ein Reisebüro von Christo und Jeanne-Claude und ein von Allen Ruppersberg oder Daniel Spoerri installiertes Café. Auch die Steiermark zeichnete sich in der Produktion und Schau partizipativer Kunstprojekte aus, hier sind u.a. die wegweisenden Trigon-Ausstellungen zu nennen. Nach Bishop stehen bei diesen sozial orientierten Kunstprojekten die Kollaborationen sowie die kollektive Dimension der sozialen Erfahrungen im Vordergrund. Partizipation sieht sie untrennbar mit der Frage nach politischem Engagement verbunden. Sie betont die Wichtigkeit einer Gleichberechtigung im kreativen Schaffensprozess für die Gesellschaft. Jacques Rancière sieht die Rolle der kritischen Kunst ebenfalls darin, Bewusstsein über Hierarchien zu schaffen, um den Betrachtenden das Wissen zu liefern, in der Transformation der Welt tätig werden zu können. In diesem Sinne darf die politische Dimension der Kunst nicht als Zusatz zu ästhetischen Aspekten verstanden werden, sondern muss direkt, unmittelbar in der Aktion miteinander verknüpft sein.

Relational Aesthetics in der Steiermark 

Kunstformen der Relational Aesthetics sind seit Dekaden kennzeichnend für den Kulturraum der Steiermark und für die Stadt Graz. 

Bereits in den 1960er Jahren – also vor der eigentlichen Wortprägung und theoretischen Verortung – fanden in der Steiermark bereits partizipatorische Kunstformen statt, die immer auf die Besonderheit der Verbindung von geographischer Lage und – sich daraus ergebenden – politischen Konsequenzen aufmerksam und diese zum Thema der Kunst machten, die sodann internationale Relevanz im Kunst- und Kulturfeld erlangten. Aus traditioneller Perspektive sind die Relational Aesthetics zunächst eng an die trigon Ausstellungen in den 1960er Jahren angebunden, wie etwa Kunst und Freiheit aus dem Jahr 1969. Neben einer Vielzahl an einzelnen künstlerischen Projekten (Eilfried Huth und Günther Domenig, Jeanne Rebeau und Norbert Nestler und auch Richard Kriesche, der dieses Feld zudem an die Medienkünste anschloss) sind trigon 1971 und die durch den Steirischen Herbst durchgeführte "Wochenklausur" wichtige Zäsuren in der Entwicklung der Relational Aesthetics, die internationale Auswirkungen hatten. In dieser Tradition stehen auch jüngere Projekte etwa des Kunsthauses, wie zum Beispiel die Ausstellung "Protections, dies ist keine Ausstellung" aus dem Jahr 2006 (kuratiert von Adam Budak) und ganz explizit der Grazer Kunstverein mit den Kunstprojekten "WWWW" und "Fink’s", mit denen Relational Aesthetics auf die gegenwärtig konkrete politisch, sozial-kulturelle Situation in der Stadt Graz – und darüber hinaus reagiert.

Obwohl also die Steiermark und die Stadt Graz im Feld der für die Kunst bedeutsamen Relational Aesthetics eine herausragende Rolle einnehmen und den Kulturstandort somit nachhaltig national aber auch international geprägt haben, ist dieser Tatbestand bislang nicht untersucht. Dies wird im Rahmen der kunsthistorischen Dissertation von Sabine Hirzer mit dem Thema "Die Kleider der Aufständischen. Vestimentäre Markierungen 'rebellierender Frauen' in Grafik und Fotografie seit Ende des 18. Jahrhunderts" und der kunsthistorischen Masterarbeit mit dem Thema "Die Kunst des Geschmacks. Kochen als partizipative Kunstform am Beispiel von Fink's, Taste Graz und Finishing Room" von Marie-Theres Steingassner erörtert. Zudem wird das Projekt "WWWW" der Künstlerin Ruth E. Lyons, welches im Grazer Kunstverein realisiert wird, im Rahmen des Projekts Kleider machen Leute mit mode- und arbeitssoziologischer Begleitforschung vom Institut für Soziologie (Stephan Moebius, Martin Griesbacher) der Universität Graz untersucht. 

Archiv

Ein wichtiger Aspekt des Projektes ist die Erstellung eines Archivs über künstlerische Positionen im Rahmen der Relational Aesthetics in Graz und in der Steiermark. Dieses Archiv dient der Erhebung sämtlicher Kunstprojekte dieser Kunstrichtung, die hierfür gesammelt, aufbereitet, und in einem weiteren Schritt der Wissenschaft und der Öffentlichkeit als Instrument der Informationsbeschaffung zugänglich gemacht werden. 

Ziel ist es, die zentrale Rolle des Kulturraumes Steiermark im Hinblick auf künstlerische Arbeiten zu dieser Kunstrichtung sichtbar zu machen und in der internationalen Kunstwelt zu positionieren. Zu diesem Zweck werden Kunstprojekte ab den 1960er Jahren dokumentiert. Beim Aufbau des Archivs werden alle steirischen Kunstinstitutionen der Gegenwartskunst berücksichtigt, um eine lückenlose Erfassung der Kunstprojekte zu gewährleisten. Somit wird erstmals über die Kunstprojekte im Rahmen der Relational Aesthetics in der Steiermark ein Überblick und in der Gesamtheit ein internationaler Vergleich ermöglicht. Des Weiteren wird mit dem Archiv ein wesentlicher Beitrag zur Erforschung der Relational Aesthetics geleistet. Damit kann das Archiv als Ausgangspunkt für zukünftige Recherche- und Forschungsarbeiten zur künstlerischen Tätigkeit in der Steiermark dienen.

Künstlerische Positionen  

Die Kooperation mit der US-amerikanischen Künstlerin Alexandra Hammond hebt ebenfalls die Bedeutung der Relational Aesthetics für das Projekt "Kleider machen Leute" hervor. In ihrer performativen Situation "Leaving is the best point of view" (von 26.10. bis 19.11. in der Werkstadt Graz zu sehen) werden Konzepte der Warenzirkulation und der Austauschprozesse radikalisiert. Indem die Bedeutung der Konsumption in Hammonds Arbeit ad absurdum geführt wird und Besitzstand negiert wird, verweigert sie Individuen die Identifikation über äußere Parameter wie Kleidung – und sorgt für eine Zerstörung der Hierarchien zwischen Besitzenden und Besitzlosen.  Die zweite Künstlerin im Projekt Kleider machen Leute ist die Fotografin Haley Ballard (New York, London). Ihre Ausstellung "Seen Not Heard" (von 20.01. bis 07.04. 2017 in der Kunstpassage der Fakultätsbibliothek am Universitätszentrum Theologie zu sehen) ist eine fotografische Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Frauen durch Gesellschaft und Medien. 

Nachwuchstagung

Den Abschluss des Projekts "Kleider machen Leute" bildet eine internationale, interdisziplinäre Nachwuchstagung, auf welcher die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen präsentiert werden. Die in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz stattfindende Konferenz ist für Oktober 2017 anberaumt.  

Projektleitung

Univ.-Prof. Dr.phil.

Sabine Flach

Institut für Kunstgeschichte

Universitätsplatz 3/II
8010 Graz

Telefon:+43 316 380 - 2400

Donnerstag 13:30 - 14:30 Uhr

Mehr Infos

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